Hallo ihr Lebenden auf der Erde

ISBN: 978-3-906206-09-7

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Hallo, ihr Lebenden auf der Erde!: Teil I. + II. Lebensberichte aus der Pharaonenzeit auf Gräbern und Denksteinen. Gesammelt, übersetzt und kommentiert. Gebundene Ausgabe – 7. November 2014

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Prolog

Der Titel des Buches klingt wie ein Funkspruch von Außerirdischen, abgesandt aus einem Ufo, das dahindriftet in Raum und Zeit. Aber so wollten euch euere eigenen Vorfahren ansprechen, die Bewohner des Niltals! Denn mit dieser speziellen Formel beginnen viele Lebensberichte der alten Ägypter. In der Tat ist vieles in der Gedankenwelt der alten Ägypter für uns heute fremd und außerirdisch, und doch fußt ein großer Teil unserer eigenen Vorstellungen und Ideen auf diesen fremdartigen Gedankengängen. Jenseits, Jüngstes Gericht, Paradies und ein gütiger, allmächtiger Gott, der am Ende des Lebens oder am Ende der Zeiten gnädig sein möge und milde über die Menschheit richtet: das sind die Hoffnungen vieler Weltreligionen. In Ägypten wurden sie entwickelt, hier wurden sie zuerst erdacht.

Unsere heutige Psychologie und unsere Philosophie liefern bei allem Fortschritt unserer Wissenschaft und Kultur noch viel krausere Vorstellungen über unser Innenleben und unsere Seele, als die Ägypter es sich jemals ausdenken konnten. Wenn bei der Lektüre dieser uralten Lebensberichte ein Seufzer entschlüpft: „Ach ja, die hatte es ja auch nicht besser als wir!“ oder ein Lächeln über ihre einfältigen Vorstellungen, ein versonnenes Nachdenken über das Wirken des unbarmherzigen Schicksals oder heimliche Freude über einen uralten Witz, dann sollten wir nicht vergessen, daß wir uns damit auf eine sehr langen Zeitreise begeben haben. Aus diesem Grunde habe ich auch die ältesten Zeugnisse der Gräber und Inschriften bevorzugt, selbst wenn sie den Lauf der Jahrtausende nicht unbeschadet überstehen konnten und lückenhaft geworden sind. Ja, da ist er wieder, der Ruf: Hallo, ihr Lebenden auf der Erde! Wir sind noch da, uns gab es wirklich, und vielleicht gibt es uns noch eine kleine Ewigkeit (Falls irgend ein Forscher unsere Funksprüche entschlüsseln kann und uns damit zum Weiterleben verhilft).

Dieses Sammelwerk schließt an bisher erschienene Werke an, obwohl es eigentlich keinen direkten Vorläufer hat, weil noch niemals in größerem Umfang altägyptische Biografien zusammengestellt worden sind. In gewisser Weise sind die bekannten Quellensammlungen von BREASTED 1 und STRUWE 2 ein Vorbild gewesen, aber auch vereinzelte Ausgaben der großen Museen in London 3 und Paris 4 enthalten neben anderen Texten solche biografischen Texte. Am meisten hat mich jedoch ein kleines Büchlein beeindruckt und auch beeinflußt, das bereits 1912 erschienen ist. Es wurde von GÜNTHER ROEDER 5 verfaßt und enthält die wichtigsten, damals bekannten Biografien in Übersetzung, ist mit Porträts der Grabinhaber geschmückt und mit verbindenden Erläuterungen und kulturgeschichtlichen Bemerkungen versehen, die die einzelnen Biografien verbinden und in einen gemeinsamen historischen Zusammenhang bringen. Aufgrund seines schmalen Umfangs – das Büchlein umfaßt nur 113 Seiten – mußte es viele interessante, auch damals schon bekannte Texte auslassen. Es faßt seine Einleitung in die Worte: Wenn man sich in längst entschwundene Zeiten versetzen will, so gibt es kein reizvolleres und unmittelbarer wirkendes Mittel, als ihre Urkunden selbst zu lesen. Aus diesen spricht unverfälscht das Empfinden jener Tage; wir hören, was den Berichtenden am Leben und den Ereignissen des eigenen Daseins wertvoll erschien... Handelt es sich (doch) um Texte, die einen modernen Deutschen in den dunklen Erdteil und in mäßig erhellte, weit zurückliegende Jahrtausende zurückführen – dann sind die Schwierigkeit der Übertragung so groß, daß das gute Gewissen des Gelehrten ihm oft das waghalsige Unternehmen verbietet. Ich will dem Leser eine Schilderung der Hindernisse solcher Übersetzungen ersparen; er möge nur daran denken, daß bei den meisten Texten der Stein, auf den sie gemeißelt sind, durch Wind, Wetter und Grabschänder aller Zeiten mißhandelt ist, und daß auch die besten Kenner der Hieroglyphen ihnen nicht immer abgewinnen können, was der Schreiber mit seinen knappen Worten und Zeichen hat sagen wollen. Fällt dieses Büchlein gar einem Ägyptologen in die Hand, so möge er daran denken, daß ich für einen Kreis schrieb, der durch Fragezeichen, Gedankenstriche und sachliche Zurückhaltung keine Vorstellung von Lebensbeschreibungen gewinnen kann; dann wird er hoffentlich verzeihen, daß ich zuweilen mehr geraten als übersetzt... habe.

Berlin, Wolfgang Kosack

Prolog-Quellen:

1 Breasted, James Henry. Ancient records of Egypt. Introduction by Peter A. Piccione. Vol. 1-4. Urbana, Chicago 2001.

2 Struwe, W. W. (Hrsg.) Der Alte Orient. Berlin 1955 (Gesch. d. Alten Welt. Chrestomathie. Bd 1.)

3 Parkinson, R. B. Voices from Ancient Egypt. An anthology of Middle Kingdom Writings. (London 2008).

4 Barbotin, Christophe. La voix des hiérolgyphes. Promenade au département des antiquités égyptiennes du musée du Louvre. (Paris 2005).

5 Roeder, Günther. Aus dem Leben vornehmer Ägypter. Von ihnen selbst erzählt. Hrsg, Mit 16 Bildnissen nach Statuen, Reliefs und Malereien. Leipzig (1912). (Voigtländers Quellenbücher. Bd 17.)